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Aufgewachsen zwischen Pfeifen

Aufgewachsen zwischen Pfeifen

Die Pfeife erinnert an eine vergangene Welt. Eine altmodische und langsame Art des Rauchens aus einer Zeit, in der Zeit kein Luxus für einige Wenige war. So ist die Zigarette eine relativ neue Erfindung – sie stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und wurde sowohl von englischen als auch von muslimischen Soldaten genossen. Bis dorthin war die Pfeife die gängigste Art des Tabakkonsums. Es erinnert an die literarischen Welten von Simenon und Pavese, Pascoli und Sartre und ist ein Denkinstrument für Intellektuelle, das zur Kontemplation und zur Selbstbetrachtung anregt. Es gibt auch ein gewisses Ritual in den Handgriffen der Pfeifenliebhaber. Angefangen bei der Wahl der Pfeife, der Prüfung ihrer Eigenschaften, der Auswahl der am besten geeigneten Form, ein gerader Stiel für diejenigen, die sie gerne lange in den Händen halten, ein gebogener für diejenigen, die es vorziehen, sie zwischen den Lippen zu belassen. Dann dazu ein geeignetes Feuerzeug, einen Pfeifenreiniger, um sie funktionsfähig und frei von Verstopfungen zu halten, einen Pfeifenstopfer und einen Pfeifenständer. Selbst die Wahl des Tabaks ist keine Kleinigkeit; zunächst die Wahl des Tabakschnitts, und zwar bevor man sich in der komplexen Welt der Mischungen verliert. Nachdem diese vorbereitenden Massnahmen abgeschlossen sind, ist es endlich an der Zeit, sich hinzusetzen und sich dem zu widmen, was in der Tat eine echte Profession ist, ein Ritual, das aus langsamen und absichtlichen Zügen besteht: Löschen, Pressen, Wiederanzünden, Klopfen und Geniessen. Pfeifenraucher scheinen heute eine Gruppe von Auserwählten zu sein, Mitglieder einer elitären Vereinigung, die hauptsächlich von Männern gebildet wird, die nicht mehr in ihren besten Jahren sind. Denn, seien wir ehrlich, es ist ungewöhnlich, junge Männer, geschweige denn Frauen, mit einer Pfeife im Mund zu sehen.

Wie wird man Pfeifenmacher?

Es mag daher paradox erscheinen, dass Tommaso Ascorti 2013, im Alter von 24 Jahren, beschloss, sich dem Familienunternehmen zu widmen und Pfeifenmacher zu werden, übrigens mit dem ehrgeizigen Ziel, den Gegenstand und die Welt, die ihn umgibt, zu rekultivieren. Ich traf ihn an einem Vormittag im Juni in seiner Werkstatt. Er ist ein junger Mann wie viele andere, allerdings mit klareren Ideen als die meisten und einer jugendlichen Unbesonnenheit. Er mag Motocross und ist von sich aus redselig. Sein Lebensweg scheint ein ganz selbstverständlich zu sein. Er ist inmitten von Pfeifen aufgewachsen, er hat seit seiner Kindheit mit Werkzeugen zum Schleifen, Bohren und Polieren von Bruyèreholz gespielt, denn sein Großvater Peppino, den er nie kennen gelernt hat, war Pfeifenmacher, genau wie sein Vater Roberto heute. „Sehen Sie dieses Mundstück?“ – fragt er stolz: „Mein Großvater hat es erfunden. Ihm verdanken wir die Verwendung von Methacrylat anstelle von Holz, Knochen oder Horn. Aber das weiß niemand“.

Und tatsächlich war sein Großvater für ihn der Ausgangspunkt, als Tommaso 2013 den Markennamen übernahm, den er fünfundvierzig Jahre zuvor in Cucciago kreiert hatte. Er zeigt mir mit Stolz die Zeichnung, die er auf seinen Oberschenkel tätowieren ließ: das Schnurrbartsymbol von „Caminetto“, den Namen des Familienunternehmens und das Gründungsdatum 1968. Die erste Pfeife, die der junge Tommaso schuf, trägt den Namen Event und ist die Neuauflage eines historischen Modells von Peppino Ascorti, bekannt als die 142.

Das Handwerk

Ihn mit Feilen, Raspeln und Hohlmeißeln bei der Arbeit zu sehen, ist außergewöhnlich: Seine Hände bewegen sich so schnell und sicher wie die von jemandem, der genau weiß, was er tut, und der es immer getan hat. Wenn die Bewegungen eines Pfeifenrauchers wie eine Art Ritual wirken, so gilt dies auch für die Handgriffe des Handwerkers, der die Pfeife herstellt. Ein Ritual, das um genau zu sein 90 Etappen umfasst, schließlich handelt es sich um die einzelnen Produktionsphasen, die fast alle von Hand ausgeführt werden, wie Tommaso betont, indem er ein Stück Holz aus wildem Heidekraut in die Hände nimmt und es anfeuchtet. „So hebt man die Maserung des Holzes hervor und kann entscheiden, was man daraus macht“, erklärt er. Jede Pfeife, die er baut, ist anders als die Nächste, weil er Rücksicht auf die natürlichen Wölbungen des Holzes nimmt. Und während er sich souverän an eine geniale Maschine macht, an der sein Großvater vor Jahrzehnten eine Autoscheibenbremse angebracht hat, zündet er sich eine Zigarette an. Die Frage mag banal erscheinen, aber sie stellt sich wie von selbst: „Wie kann man Pfeifen herstellen, aber Zigaretten rauchen?

„Können Sie sich vorstellen, dass ich während der Arbeit Pfeife rauche? Ich bin zu beschäftigt, ich muss von einer Seite der Werkstatt zur anderen springen. Ich kann unmöglich eine Pfeife in der Hand halten“.

Der Lebensstil des Pfeiferauchens

Tommaso hat den Enthusiasmus und die Energie der Jugend und ist ein Quell neuer Ideen. Er zeigt mir einen Pfeifenständer aus Leder mit einer Aluminiumstruktur, die in eine Vielzahl verschiedener Formen gegossen werden kann und sich bei Bedarf sogar in ein Lesezeichen verwandelt. Dann zieht er einen Pfeifenbeutel heraus, der gleichzeitig als eine Art Täschchen dient und in die Jackentasche gesteckt werden kann. Dies sind nur ein paar seiner Entwicklungen. Die Pfeife, behauptet Tommaso zu Recht, ist nicht nur ein Gebrauchsgegenstand für Raucher, sondern ein echtes Designobjekt: „Können Sie sich zwei schöne Pfeifen vorstellen, die auf einem Sideboard oder zwischen Bücherregalen als Dekorationsobjekte stehen“, fragt er.

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Tommasos Traum ist es, auch in Italien, wie es in Deutschland bereits der Fall ist, Pfeifen in den Vitrinen von Luxusgeschäften zusammen mit Modeaccessoires zu sehen. Diese Idee teilt Giulio Iacchetti, ein Produktdesigner mit zwei Compassso d’Oro-Auszeichnungen und begeisterter Pfeifenraucher. Iacchettis Wunsch, ein vergessenes Objekt wieder zum Leben zu erwecken, mit dem er sehr vertraut ist – ein Wunsch, der von anderen Designern vor ihm, wie Joe Colombo und Roberto Sambonet, ebenfalls aufgegriffen wurde – brachte ihn dazu, sich an Savinelli zu wenden, eine Exzellenz auf dem Gebiet der Pfeifenherstellung mit einer hundertjährigen Geschichte und einer interessanten Charakteristika: In dieser sehr männerorientierten Welt wird das Unternehmen von einer weiblichen CEO, Sonia Rivolta, geführt. Aus ihrer Zusammenarbeit entstand 2015 sein Entwurf der selbsttragenden Pfeife „Radica Chic“, die die Form eines Weinglases aufgreift. „Am Ende eines Tages, den ich unter den erfahrenen Handwerkern der Barasso-Fabrik verbrachte – sagt Iacchetti – habe ich eine kurze Skizze angefertigt. Wie immer, wenn sich eine Idee in etwas Konkretes verwandelt, war das Endergebnis nicht genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Am Ende sind es die Handwerker, die mit ihren technischen und handwerklichen Fähigkeiten das perfekt funktionierende Objekt schaffen“. Denn, wie Tommaso mit 28 Jahren und 50 Jahren Erfahrung betont, „Pfeifenmachen ist kein Beruf, den man einfach so nachmachen kann“.

Text: Lydia Capasso, DISPENSA MAGAZINE

Photos: Giuseppe Ippolito