Now Reading
bulthaup – Küchengestaltung und soziale Resonanz

bulthaup – Küchengestaltung und soziale Resonanz

Die Küche ist ein Ort der Komödie und der Tragödie. Ein Raum, der für Resonanz sorgt. Wir sprachen mit Marc O. Eckert, Inhaber von bulthaup, über Küchen, Gestaltung und soziale Resonanz.

bulthaup entwickelt, gestaltet und produziert seit 1949 Küchen in Niederbayern. Jede neue bulthaup Küche stammt also aus dem Werk in Aich bei Bodenkirchen. Dort trafen wir auf ein engagiertes Team leidenschaftlicher Maker, vom Chef bis zum Schreiner, die sich augenscheinlich rund um die Uhr dem Thema Küche widmen.

Bereits mit seinen ersten Küchenmöbeln erfand bulthaup 1951 die Idee eines Raumes, in dem man Lebensmittel zubereitet und isst, neu und dachte dabei ganz anders als die meisten damaligen Hersteller von Haushaltswaren, Lebensmitteln und Möbeln. In ihren Werbungen porträtierten sie in den 50er und 60er Jahren oft Frauen, die in einem separaten Küchenraum allein arbeiteten. Heute betrachten wir diese nostalgischen Botschaften als eine amüsante Erinnerung an Zeiten, in denen die Rollen der Menschen und der Räume, in denen sie lebten, klar – aber begrenzt – definiert waren.

Küchen sind nicht nur zum Kochen da – sondern auch zur Geselligkeit.

In den 1980er Jahren begann bulthaup mit dem deutschen Designer Otl Aicher zusammenzuarbeiten. Er definierte die Küche als einen Ort, „der so einladend ist, um gemeinsam Essen zu kreieren und der Küchengeräte in Reich- und Sichtweite bereithalten sollte“. Keine wirklich neue Idee, wenn man an Bauernhäuser denkt, in denen die Küche schon immer der Ort war, an dem man Lebensmittel herstellte und gemeinsam verzehrte. Doch in den 1970er und 80er Jahren war dies im urbanen Westen aus der Mode gekommen.

Mit Marc O. Eckert, der das Familienunternehmen Bulthaup, den führenden Küchenhersteller, in dritter Generation leitet, sprachen wir über seine überraschenden Ansichten darüber, was in der Küche wichtig ist. Im Gespräch richtete er seinen Blick weniger auf die Vorzüge der Küche als Ganzes, sondern konzentrierte sich eher auf sekundäre Elemente.

Zum Beispiel muss es in der Küche laut Marc O. Eckert unbedingt einen Tisch geben. Denn der Tisch fungiert als der Ort, an dem sich alle – Familie und Freunde – versammeln. Keiner soll gezwungen sein, die Gespräche in der Küche verpassen zu müssen, weil dort nicht genug Raum ist oder der Raum nicht zum Verweilen einlädt. Eine gut geplante Küche hält Erzählungen am Laufen und lenkt nicht von Gesprächen ab. Benötigte Gegenstände sind schnell zur Hand und man findet sie, ohne die Unterhaltung unterbrechen zu müssen. So ist genug Zeit für das Miteinander und den Austausch.

Eine bulthaup Küche ist dabei kein technischer Arbeitsplatz für Küchenchefs. Es sind handwerkliche Funktionsbereiche, die zusammen ein transkulturelles Bedürfnis erfüllen: Das Bedürfnis zusammenzukommen und daraus eine wertvolle Erfahrungen werden zu lassen. Vom ruhigen Einzelgespräch bis zur Tragödie oder Komödie, vom gemeinsamen Genuss aufregender Aromen über inspirierende Beziehungen und das gemeinsame Vergnügen, gut zu essen und zu trinken – so entsteht die Kraft dieses Ortes.

Feuer, Wasser, Essen & Gemeinschaft

Insgesamt basiert der zentrale bulthaup Wertekanon auf vier verschiedenen elementaren Bedürfnissen: Das Erste, das Feuer, steht nicht nur für das Kochen von Speisen, sondern auch für menschliche Wärme und Zugehörigkeit. Denn wo Feuer ist, da ist auch ein Ort, an dem man Nähe genießt. Wasser, das zweite Bedürfnis, ist ein äußerst wichtiges, lebenserhaltendes Element. Wenn man ausreichend Wasser trinkt, fühlt man sich wohl. Über Wasser zu verfügen, ist Luxus und gleichzeitig ein Mittel zum Überleben. Das dritte Bedürfnis ist die Nahrung. Doch überraschenderweise meint bulthaup damit nicht nur Essbares, sondern auch Seelennahrung. Sie entsteht durch soziale Resonanz und Reaktionen aufeinander und ist die Nahrung unserer Gedanken. Die Gemeinschaft, wie oben schon beschrieben, ist das vierte und ein konsequent transkulturelles Bedürfnis, dessen Essenz in allen bulthaup Küchen zu finden ist.

Lesen Sie auch

Manufaktur und Handwerk

Bei unserem Besuch der bulthaup Manufaktur fanden wir einen Arbeitsplatz unbesetzt. Die Aufgabe des Mitarbeiters, der dort eigentlich arbeitet, ist, die Fehlerfreiheit der Laminatplatten zu überprüfen. Mit seinen Augen und Händen erkennt er selbst kleinste Unvollkommenheiten. Um seine Arbeit zuverlässig und perfekt ausführen zu können, legt er nach vier Stunden immer eine Pause ein. Daher war er auch zum Zeitpunkt unseres Besuches gerade nicht da. Denn seine Finger und Augen brauchten eine Auszeit. Deshalb rotieren bei bulthaup auch viele Aufgaben zwischen den Facharbeitern und -innen.

Den Begriff „Materialehrlichkeit“ verwendet bulthaup häufig. Denn auch wenn eine Oberfläche bis zur Perfektion veredelt ist, sollte man das Material körperlich – durch Geruch, Klang und Berührung – noch erleben können. Es ist der Moment, in dem der Tastsinn uns sagt, dass eine Sache authentisch oder gefälscht, gut oder schlecht behandelt ist. Das ist bei vielen Produkten, die in der Makers Bible vorgestellt werden, der Fall. So vermittelt zum Beispiel der Tastsinn eine Wahrhaftigkeit, die echte Handwerkskunst vom Industrieprodukt unterscheidet.

Natürlich ist es im bulthaup Werk nicht wie in einer Schreinerei, in der Holzspäne und Staub durch die Luft fliegen. High-Tech-Maschinen erledigen die groben Arbeitsschritte. Aber das Herzstück von bulthaup sind die geschickten Hände und hellen Köpfe, die nur ein Ziel haben: Küchen zu bauen, die Bestand haben und elementare Bedürfnisse decken.

Dieser Text ist in der Makers Bible „Beetroot & Steel“ erschienen. Das komplette Buch können Sie hier herunterladen.